15.09.2009 geblogt von schreiberling | Schreiberlings Welt
1959 eröffnete Werner Wollenbergers Züri-Musical "Eusi chlii Stadt" das Theater am Hechtplatz und bescherte der jungen Bühne gleich ihren ersten Grosserfolg. Jetzt läuft zum fünfzigsten Jubiläum eine Neuinszenierung an, in der die längst zu Klassikern gewordenen Lieder von Big Zis und Sabina Leone zeitgerecht entstaubt werden.
„Guet Nacht, mini Stadt – guet Nacht, chlini Stadt!“ singt Big Zis und streckt sich gähnend auf einem Häuserblock aus. Aber dort hat sich schon Sabina Leone zur Ruhe gelegt und während die beiden Musikerinnen kichernd nebeneinander Platz zu finden versuchen, scheint die Stadt für einen Moment tatsächlich zu jener Kleinheit zusammenzuschrumpfen, die das Stück so liebevoll zelebriert. Die Theaterkulissen skalieren die Hochhäuser von Zürich auf Zwergengrösse hinunter, auf der Bühne sind sie kaum höher als die zwischen ihnen agierenden Menschen. Und auch wenn die Lichttechnik imposant mondän auf dieser Skyline spielt und allerlei pulsierende Urbanität auf ihre Formen projiziert: Der Massstab des Ganzen bleibt winzig – eine Modelleisenbahnsiedlung, die das in ihr aufgeführte Grossstädtertum ironisch relativiert.
Es ist Nachmittag im Theater am Hechtplatz, zwei Wochen vor der Premiere. Gerade wurde das Schlusslied geprobt, in dem sich das Zürcher Nachtleben frühmorgens wieder von der Bühne verabschiedet bevor ein neuer Tag anfängt. Jetzt ist Pause angesagt, nur die beiden Sängerinnen diskutieren noch einmal die Feinabstimmung ihrer Positionen: Soll ich mich so hinlegen, dann kannst du so? – Oder ich hier am Rand und du so?

Wie diese Szene wohl vor 50 Jahren ausgesehen haben mag? Als „Eusi chlii Stadt“ am 25. April 1959 zur Uraufführung kam, wurde damit ein Stück lokaler Kulturgeschichte geschrieben. Episodenhaft portraitierte der „Bilderbogen in Prosa und Reimen“ mit einer Starbesetzung um Margrit Rainer, Ruedi Walter, Zarli Carigiet, Stephanie Glaser, Irène Camarius, Inigo Gallo und Peter W. Staub einen Tag im Zürcher Stadtleben vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.
Obwohl das Musical unmissverständlich als Liebeserklärung an die kleine Limmatstadt angelegt war, blieb es trotzdem alles andere als unkritisch. Da wurde nicht nur die hiesige Arbeitswut und Geldscheffelei angeprangert und das versnobte Leben der High Society parodiert, sondern auch der selbstgefällige Züribürger als Füdlibürger entlarvt – und natürlich blieb auch das unliebsame Regenwetter nicht ungelästert. Darüber hinaus kriegte selbst jene heute noch weit verbreitete Engstirnigkeit ihr Fett ab, welche das Konversieren in englischen Allerweltsausdrücken bereits für Weltoffenheit hält.
Im Gegensatz zu dieser auch 2009 noch ungebrochenen inhaltlichen Aktualität des Stoffes hatte die musikalische Vertonung allerdings etwas Modernisierung nötig. Die Originalsongs, damals vom Basler (!) Unterhaltungsorchester eingespielt, versprühen immer noch die mittlerweile etwas angestaubte Stimmung des beginnenden Ausbruchs aus dem Fünfzigerjahre-Mief. Wo die mittägliche Essensfreude 1959 etwa noch mit volkstümlichen Bläsern begleitet wurde, ertönt heute ein wesentlicher zeitgenössischerer, aus Besteck- und Tellergeklapper zusammengesampleter Beat.
Kein Wunder, denn die Live-Band im Bühnengraben vereint mit Domenico Ferrari, Vera Kappeler, Marton di Katz, Claudio Strüby und Valentino Tomasi eine ganze Reihe von Topmusikern aus den Grenzbereichen zwischen Jazz, Elektronik und HipHop. Da werden die Harmoniumklänge der Kreis-4-Hymne „I mim Quartier“ dann schon mal mit dunkel wummernden Bässen unterlegt, bis die Verklärung des „Glücks vom kleinen Leben“ genauso unheimlich und traurig tönt wie die Luxus- und Bankenwelt nebenan.
Man darf also gespannt, wie diese hochkarätige Band den vermotteten Liederreigen neu einkleiden wird. Umso mehr, als das altbekannte Material noch mit aktuelleren Kompositionen ergänzt wurde. So lässt es sich Big Zis natürlich nicht nehmen, das Stück „Züri by Night“ mit einem Teil ihres „Discobluus“ einzuleiten, bevor sie zusammen mit Sabina Leone in einem Stakkato-Duett aufzuzählen beginnt, wo man und frau sich in Zürich heutzutage die Nächte um die Ohren schlägt. Es ist eine ziemlich lange Liste von Klubs, Bars, Anlässen, und die beiden Sängerinnen runzeln die Stirn in Richtung Regie, als sie das Papier mit der endlosen Folge von Amüsementbetrieben wieder zur Seite legen: Das alles sollen wir noch auswendig lernen?
Doch jetzt ist erstmal Schluss für heute, morgen früh sollen die Proben weitergehen. Also runter von der Bühne und hinaus auf den Hechtplatz, wo Zürich vorbei eilt, Einkäufe unter dem Arm und Feierabend im Kopf, Abendstimmung liegt über der Limmat. Aber am Ende von „Eusi chlii Stadt 2009“, soviel sei hier noch verraten, wird weder die abendliche Limmat noch – wie auf Big Zis’ aktuellem Album – der grosse weisse Nil stehen, sondern stattdessen: ein gähnendes Erwachen im Angesicht der grossen weissen Sihl...

Tickets: http://www.stadt-zuerich.ch/kultur/de/index/institutionen/theater_am_hechtplatz/tickets.html
24.09.09 20 Uhr Preview / 25.09.09 20 Uhr Premiere / 26.09.09 20 Uhr / 27.09.09 17 Uhr / 29.09.09 20 Uhr / 30.09.09 20 Uhr / 01.10.09 20 Uhr / 02.10.09 20 Uhr / 03.10.09 20 Uhr / 04.10.09 17 Uhr / 05.10.09 20 Uhr / 06.10.09 20 Uhr
Regie: Thomas Wollenberger und Evita Galanou
Musikalische Leitung: Marton di Katz und Valentino Tomasi
Bühnenbild & Kostüme: Theres Indermaur
Video: Roman Beranek, Evita Galanou
Projektions-Design: Roman Beranek und Jonas Staub / Projektil Productions
Eine Co-Produktion der Werner Wollenberger Stiftung mit dem Theater am Hechtplatz.
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Serh schön recherchiert. Macht Lust auf mehr!