04.11.2009 geblogt von schreiberling | Schreiberlings Welt
Ein Mann und eine Frau lieben sich. Ihr Kind stirbt bei einem Unfall. Sie verfällt in Depressionen und Angstzustände. Er versucht sie in einer einsamen Waldhütte zu therapieren. Sie wird zur Furie und alles endet in Mord und Totschlag.
Das ist, kurz gefasst, die Handlung von Lars von Triers neuem Film ANTICHRIST. Recht simpel, würde man meinen: Die Frau ist eben einfach durchgeknallt, gewalttätig, böse, eine Hexe eben, so was kommt vor. Wenn da nicht diese eine Szene wäre, in welcher der Mann sagt: So einfach ist das nicht mit dem Bösen – das hättest du kritischer lesen müssen! Also versuchen wir auch diesen Film kritisch zu lesen: Was, wenn das nicht so einfach ist mit dem Bösen? Was, wenn die Frau nicht einfach so eine Hexe ist – sondern erst dazu gemacht wird?
Darum die Frage: Wie bastelt man sich eine Hexe? Wir wenden uns an die cleverste Hexe unserer Zeit und fragen Hermione Granger. Sie empfiehlt uns aber natürlich einfach das zu tun, was sie selbst in solchen Fällen auch immer tut: Go to the library! In der Bibliothek kucken wir mal bei A nach, weil das der erste Buchstabe ist und weil ja auch Antichrist mit A anfängt. Unter A finden wir Adorno, zum Beispiel die DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG, die er 1944 zusammen mit Max Horkheimer im kalifornischen Exil geschrieben hat. Darin versuchen die beiden Philosophen zu verstehen, wie es mitten in der aufgeklärten Zivilisation Europas plötzlich zur Barbarei des Nationalsozialismus kommen konnte. Ihre Antwort: Die Aufklärung selbst trägt bereits dieses rückläufige Element in sich – „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“
Doch was ist Aufklärung? Nichts anderes als die „Entzauberung der Welt“, sagen Horkheimer und Adorno. Also genau das, was auch der Mann im Film vorhat. Er will die Ängste der Frau kurieren, indem er sie an den Manifestationsort ihrer Angst – in den Wald – bringt und durch diese Konfrontation zur Einsicht zwingt, dass es da gar nichts zu fürchten gibt. Keine bösen Hexen, keine schwarze Magie. Im Wald gibt es nichts Geheimnisvolles, sondern nur – Wald.
Und tatsächlich: Für die Frau gibt es im Wald nichts zu fürchten ausser ihrer eigenen Furcht. Sobald sie diese unter Kontrolle gebracht hat, scheint sie geheilt zu sein. Nur hat sich mittlerweile das Problem verschoben. Denn plötzlich merkt der Mann, dass es im Wald trotzdem etwas zu fürchten gibt – zwar nicht für die Frau, aber für ihn, den Mann. Was der Wald zum Vorschein bringt: Der Mann fürchtet sich vor ihr, der Frau. Er, der Aufklärer, der Vernünftige, der Allesversteher fürchtet sich davor, die Frau nicht verstehen zu können. Ihre rätselhaften Ängste, ihre plötzliche, viel zu schnelle Genesung, ihre Hexentheorien, das alles kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Was immer da geschieht, er versteht es nicht und das macht ihm Angst.
Immer wieder fährt die Kamera jetzt an seinen Hinterkopf heran, nimmt seine Perspektive ein und versetzt das Publikum in dieses Gehirn hinein, das aus Angst, nicht verstehen zu können, die Aufklärung nicht leisten und die Potenz der Vernunft verlieren zu können, nach und nach durchdreht. Jetzt verfällt der Mann in Wahnzustände, er beginnt unerklärliche Dinge zu sehen, die Angst verdunkelt seinen Verstand, bis er vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sieht. Alles Verstehen droht zusammenzubrechen, die Tiere des Waldes fangen zu sprechen an, das Chaos regiert.
In der Verzweiflung seines Nichtverständnisses greift der Aufklärer schliesslich nach dem letzten Strohhalm, und das ist eben: Der Rückfall in die Mythologie. Alles könnte wieder Sinn machen, alles könnte wieder seine Ordnung haben – wenn er nur die Frau als Hexe sehen könnte. Wenn sie eine Hexe wäre, wenn sie das Böse wäre, die dunkle Irrationalität des Irrsinns, dann könnte er sich und seine Ratio retten. Denn wenn die Frau ihrerseits unvernünftig ist, dann ist die Vernunft deswegen nicht fehlerhaft, wenn man mit ihr die Frau nicht verstehen kann. Wenn sie böse ist und das Kind absichtlich hat sterben lassen, dann löst sich das Rätsel ihrer Trauer, weil sie in diesem Fall ja gar nicht trauert. Und wenn sie schuld ist am Tod des Kindes, dann muss er sich auch nicht mit seiner eigenen Trauer auseinandersetzen – andere anzuklagen ist schliesslich immer einfacher als selbst über etwas hinwegzukommen.
So bastelt Mann sich eine Hexe: Er lässt sich von seiner Angst die Realität so weit verzerren, bis die Frau in seinen Augen tatsächlich zur Hexe wird. So schlägt die Aufklärung wieder in den Mythos zurück, indem sie auf Unerklärliches trifft, dieses als das Böse zu verstehen genötigt ist und ihm deshalb im Namen des Mythos vom grossen Kampf zwischen Gut und Böse den Garaus machen muss.
Seltsame Aufklärung, die ihre Wahrheiten im Licht eines brennenden Scheiterhaufens suchen muss.
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