Blog - kuenschtli.ch

Cybersex mit Pocahontas: James Cameron’s AVATAR als kybernetischer Porno 1/2

09.02.2010 geblogt von stephane_boutin | Schreiberlings Welt 

Neil Young hat den Traum seiner Hippie-Generation einmal folgendermassen auf den Punkt gebracht: "I wish I was a trapper, I would give a thousand pelts to sleep with Pocahontas and find out how she felt in the morning on the fields of green, in the homeland we've never seen." Das war 1979, zehn Jahre nach der Schlammschlacht von Woodstock, als auch den beschränktesten Geschäftemachern langsam klar wurde, dass man mit der Natursehnsucht zivilisationsmüder Amerikaner nicht nur Tausende von Pelzen, sondern auch Milliarden von Dollars verdienen konnte.

Gut 30 Jahre später versucht uns James Cameron die gute alte Pocahontas-Geschichte in einem hypermodernen 3D-Science-Fiction-Setting noch einmal zu verkaufen. Komplett mit ganz viel Zurück-zur-Natur-Moral und entsprechender Öko-Esoterik. Und bezeichnenderweise ohne dass der Name Pocahontas im Film auch nur einmal fällt. Eine solche Namensnennung hat allerdings auch schon Terrence Malick explizit umgangen, als er sich 2005 in THE NEW WORLD an einer zugleich traumwandlerisch verwischten und doch historisch recht differenzierten Neuerzählung der Legende von der Indianerprinzessin versuchte.

Anders als AVATAR wollte Malicks Film die Pocahontas-Sage aber nicht in die Nähe der christlichen Parabel vom verlorenen Garten Eden rücken. Am Ende von THE NEW WORLD sehen wir darum Pocahontas selig in englischen Gärten herumtollen, selbstvergessen mit ihrem Sohn spielend und so erlöst wie es nur geht. "Mother, now I know where you live", hören wir sie in diesem Augenblick aus dem Off zu ihrer Gottheit beten. Womit die Rede von der Vertreibung aus dem Paradies endlich wieder einmal als das entlarvt wäre, was sie ist: Ein durch und durch europäisches Narrativ.

Denn während der unverbesserliche Europäer und Melancholiker John Smith für den Rest seines Lebens jenem paradiesischen Moment im unberührten Urwald mit der ebenso unberührten Pocahontas nachträumt, sucht sich seine ehemalige Geliebte ein neues Paradies. Sie findet es schliesslich in der Liebe zum Tabakpflanzer John Rolfe und ihrem gemeinsamen Kind. Für sie ist nichts verloren, alles fängt noch einmal an. Anders als Smith sieht sie das Glück nicht in einer unwiederholbaren Vergangenheit warten, sondern am Rand des Wegs in die Zukunft.

Eine ganz andere Konstellation von Glück, Vergangenheit und Zukunft präsentiert uns jetzt Cameron in seiner Pocahontas-Adaption. John Smith heisst hier Jake Sully und ist ein kaputter Soldat der Zukunft, der sich beim Cybersex mit einer blauen Pocahontas namens Neytiri in eine glückliche Vergangenheit zurückträumt. Eine unwiederholbare Vergangenheit auch hier, idealisiert bis zur Absurdität, mehr Fantasy als Science Fiction eigentlich. Anders als in früheren Pocahontas-Erzählungen geht die Geschichte hier allerdings gut aus: Die Liebe hält und die fremden Eindringlinge werden aus dem paradiesischen Pandora wieder hinausgeworfen.

Weil sich hier aber nicht die Frau auf die Seite der Kolonisatoren, sondern der Mann auf die Seite des Naturvolkes schlägt, hat man AVATAR meist weniger mit den verschiedenen Pocahontas-Versionen als vielmehr mit Kevin Costners DANCES WITH WOLVES verglichen. Zu Unrecht, bewegen sich die beiden Filme doch in genau entgegen gesetzten Richtungen. Während Costners Antiwestern in Abschied und Aporie endet – das Zusammenleben von Indianern und Weissen gescheitert, der Sieg der Sioux nur vorläufig, die Liebe zwischen John Dunbar und Stands with a Fist nur möglich, weil auch sie eine Weisse ist –, steuert Camerons Blockbuster direkt auf ein allumarmendes Happy End zu.

Und vielleicht noch wichtiger: Costner bemühte sich damals 1990 als einer der ersten im amerikanischen Kino, die Indianer weder als rohe Barbaren noch als edle Wilde, sondern schlicht als normal skurrile Menschen von nebenan zu zeigen. Camerons Na'vi hingegen sind von einer geradezu sterilen Idealität. Sie scheinen weniger Personen aus Fleisch und Blut, als vielmehr Platzhalter, Masken, Idealtypen in der komplett durchvirtualisierten 3D-Welt von Pandora zu sein. Auch die Na'vi fungieren in diesem Film als Avatare, weil Jake Sully - aus dessen Perspektive der Film erzählt wird - ihnen schliesslich ebenfalls nur über die technisch konstruierte Schnittstelle seines eigenen Avatars begegnet.

Allerdings sollte man jene virtuelle Welt, in der diese Avatare agieren, nicht im Gegensatz zur so genannt  'realen Welt' denken. Wie Gilles Deleuze bereits 1968 bemerkte, steht das Virtuelle nicht dem Realen, sondern vielmehr dem Aktuellen gegenüber - und ist deshalb keineswegs mit dem Möglichen zu verwechseln, "dem es an Realität mangelt": "Das Virtuelle besitzt volle Realität, als Virtuelles." In diesem Sinn ist es "real ohne aktuell zu sein, ideal ohne abstrakt zu sein und symbolisch ohne fiktiv zu sein".

Die fehlende Aktualität wiederum ist nicht mit einem Mangel an Bezug zur Gegenwart zu verwechseln. Sie bezeichnet vielmehr eine Art von Abwesenheit, etwas deutlich Dunkles, das Insistieren einer Problematik. So ist das virtuelle Objekt immer dort, „wo man es findet, nur unter der Bedingung, dass es dort gesucht wird, wo es nicht ist." Oder anders gesagt: Im Virtuellen konstituiert sich stets das Problematische – der undifferenzierte Horizont und Brennpunkt eines Systems, einer Geschichte, eines Weltzustandes.

Was also entdeckt Jake Sully in der Virtualität? Welchen Problematiken begegnet sein Avatar, wenn er sich in die virtuelle Welt jenseits des Militärstützpunktes auf Pandora begibt? Was sucht er, wo findet er?

Weiter zum Teil 2/2...


Kommente (0):

Füge einen neuen Kommentar hinzu:

:  
:  
:  
 

 
flickr photo
flickr

kuenschtli.ch
Dienerstrasse 7
8004 Zürich

kuenschtli.ch ist:

Shangheieiei:Fotos & mehr von Fiona Daniel in Shanghai unter: http://www.facebook.com/pages/FIONA-DANIEL/10150126304400246
ZRH:Flug LX 188 nach Shanghai Pudong International Airport: gestartet!
k.ch:wünschen der ganzen lieben fiona-crew gut flug und viel spass in shanghai! wir freuen uns auf die geschichten!
Riddick Jones:Wer hätte gedacht, dass unser Guerilla Rocker Bus noch vor die überfüllte Hauptbühne passt ;) Aber üh. nice! Bilder sind übrigens hier zu finden: http://www.facebook.com/pages/Jagermeister-Guerilla-Tour/115309361823784 oder hier: www.riddick-jones.com Ein Video wird auch bald feddich sein. Soviel dazu schon bald gehts auf zu neuen Schandtaten, ihr hört von uns! Grosses Dankeschön nach mal aan das tolle und super-flexible OK und das beste Publikum östlich von Züri West! Es grüssen Riddick Jones aka die Guerilla Rocker
k.ch:begeistert vom Stolze
Make a quote yourself!

Impressum